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«Die Musik ist eines der wertvollsten Güter der Menschheit»

«Die Musik ist eines der wertvollsten Güter der Menschheit»
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Teil drei der auf Wunsch der Musikkommission des SBV anfangs 2026 gestarteten Serie: Die unisono-Redaktion sprach mit Philippe Krüttli, Direktor der Ecole de musique du Jura bernois (EMJB) und Präsident des Verbands Musikschulen Schweiz (VMS).

Der VMS vertritt als Dachverband die rund 400 Musikschulen in der Schweiz. Welche Bedeutung hat für Sie die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bläserinstitutionen?

Für die Mitglieder des VMS ist diese Zusammenarbeit eine Selbstverständlichkeit, da wir so viele gemeinsame Interessen haben. Die Musikschulen richten ihre Aktivitäten grösstenteils auf die Förderung einer breit gefächerten, möglichst vielen Menschen zugänglichen Ausbildung aus. Für Bläser ergibt der Einzelunterricht durch Zusammenspiel in der Gruppe echten Sinn.

Gruppe junger Musizierender
Laut Philippe Krüttli ergibt der Einzelunterricht für Bläser durch das Zusammenspiel in der Gruppe echten Sinn.

Der Schweizer Jugendmusikverband ist für uns ein sehr wichtiger Partner, da er eine Brücke zwischen den Musikschulen und den Erwachsenenvereinen schlägt. Zahlreiche Musikschulen arbeiten mit Jugendmusiken zusammen und stellen ihr Fachwissen für die Ausbildung ihrer Mitglieder oder für die Leitung dieser Ensembles zur Verfügung. Oft unterstützen Jugend- oder Erwachsenenvereine ihre Musiker finanziell, wenn diese an unseren Musikschulen Unterricht nehmen.

Darüber hinaus führt die gemeinsame Nutzung von Räumlichkeiten oder Infrastruktur oft zu wertvollen Synergien.

Die dem VMS angeschlossenen Musikschulen sind Teil des Bildungssystems. Was für Aufgaben erfüllen sie in unserer Gesellschaft?

Musikschulen spielen bei der musikalischen Ausbildung von Menschen jeden Alters eine wesentliche Rolle. Sie bieten im Auftrag der Kantone und Gemeinden sehr guten Unterricht durch hochqualifizierte Fachkräfte an, die oft mehrere Masterstudiengänge absolviert haben und neben künstlerischen auch pädagogische Kompetenzen haben. Das Lehrpersonal muss grosse Flexibilität beweisen, um den Bedürfnissen einer zunehmend vielfältigen und multikulturellen Gesellschaft und zugleich auch den Herausforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden.

Der VSM hat übrigens Ende 2023 ein neues Profil für Musikschullehrer veröffentlicht. Es betont die Notwendigkeit, eine auf die Bedürfnisse der Schüler ausgerichtete Pädagogik zu entwickeln. Musikschulen bieten von der Grundausbildung bis zur Talentförderung vielfältige Aktivitäten an und leisten durch Partnerschaften mit lokalen Vereinen und öffentlichen Schulen einen aktiven Beitrag zum lokalen Kulturleben.

Künftig wird die Ausbildung zum Dirigenten stärker auf die Praxis ausgerichtet sein. Wie könnten die Kompetenzzentren für Blasmusik enger mit den Musikschulen zusammenarbeiten?

Die Musikschulen sind offen für Kooperationen, doch das neue Ausbildungskonzept des SBV für Dirigenten ist noch zu wenig bekannt. Eine bessere Verankerung des Konzepts würde den Aufbau konkreter Partnerschaften vor allem für den Unterricht in den theoretischen Fächern ermöglichen, oder die Aufnahme angehender Dirigentinnen und Dirigenten für Praktika. Sie könnten die Leitung von Musikschul-Ensembles übernehmen und würden von der Betreuung durch deren Lehrkräfte profitieren.

Philippe Krüttli beim Dirigieren
Philippe Krüttli, selbst Dirigent, stuft das Ausbildungskonzept des SBV im Bereich Dirigieren als noch zu wenig bekannt ein.

Welche Beziehungen bestehen zwischen den Hochschulen und dem VMS und wie arbeiten sie zusammen?

Die Zusammenarbeit zwischen dem VMS und der Konferenz Musikhochschulen Schweiz (KMHS) wurde in den letzten Jahren intensiviert, vor allem, um dem zunehmenden Lehrkräftemangel an den Musikschulen entgegenzuwirken. In manchen Regionen entstehen Partnerschaften zwischen Musikschulen und -hochschulen, insbesondere im Bereich der Weiterbildung.

Die Talentförderung basiert auch auf Kooperationen mit Hochschulen, beispielsweise im Rahmen der Schweizerischen Konferenz der Pre-Colleges, die sich der Vorbereitung auf das Berufsstudium widmet.

Welche Kriterien sollten die Hochschulen im Interesse einer nachhaltigen Ausbildung von Musiklehrkräften stärker berücksichtigen?

Diese Frage wurde im Rahmen der Ausarbeitung des neuen Berufsprofils für Musikschullehrkräfte behandelt, an der die Hochschulen beteiligt waren. Die pädagogische Ausbildung, die sich auf vier Semester nach dem Bachelor beschränkt, ist eine grosse Herausforderung.

Manche Inhalte, insbesondere zum Erwerb von Kompetenzen in Bezug auf Inklusion, müssen daher im Rahmen der beruflichen Weiterbildung vermittelt werden, um den Übergang von der akademischen Ausbildung in die berufliche Praxis sicherzustellen.

Was müssen die Verbände (SBV und kantonale Verbände) in die Zusammenarbeit mit den Musikschulen investieren, um mehr Schüler für das Erlernen eines Blasinstruments zu gewinnen, und wie soll dies gelingen?

Für das gemeinsame Musizieren der Jugendlichen bilden die zunehmende Individualisierung der ausserschulischen Aktivitäten und die Zeit, die sie vor dem Bildschirm verbringen, eine enorme Herausforderung. Vielversprechende Ansätze sind die Hervorhebung der sozialen Bindungen, die durch die Musik entstehen, die Erweiterung des Repertoires und die Entwicklung attraktiver Kooperationen.

Ein dynamisches, positives Image des Musizierens ist hier ebenso entscheidend wie die Schaffung bedarfsgerechter Unterrichtsformen. Individuelle und gemeinschaftliche Ansätze müssen verbunden werden, um die positiven Erfahrungen aus der öffentlichen Schule fortzusetzen.

Was sollten Kompetenzzentren für Blasmusik im Hinblick auf die Weiterbildung von Instrumentalisten anbieten?

Spielerische Workshops unter der Leitung erfahrener Profis, die das gemeinsame Musizieren rasch voranbringen, könnten interessant sein. Diese Initiativen könnten in Zusammenarbeit mit Musikschulen entwickelt und durch Projekte für Erwachsene ergänzt werden, also beispielsweise mit Bläserklassen.

Ihr Erfolg hängt jedoch vom Einsatz von Personen ab, die gleichzeitig technisch und pädagogisch hoch qualifiziert sind.

Und wenn die Kompetenzzentren für Blasmusik eng mit den Musikschulen zusammenarbeiten würden, um gemeinsame Programme zu entwickeln?

Auch hier ginge es darum, die Aktivitäten der Kompetenzzentren für Blasmusik bei den Musikschulen besser bekannt zu machen, damit neue Ideen entstehen könnten.

Wie können Musikschulen und Musikvereine sich gegenseitig unterstützen, um die Instrumentalausbildung nachhaltig zu fördern?

Ein junger Musikant mit einem Waldhorn in der Hand.
Musik ist für alle in Reichweite, die ein Minimum an Interesse aufbringen und bereit sind, sich ein wenig anzustrengen.

Die Durchführung künstlerischer und pädagogischer Projekte mit der Einbeziehung von Klassen öffentlicher Schulen bietet immer gute Gelegenheiten, Begeisterung zu wecken. Es geht darum, daran zu erinnern und zu zeigen, dass solche Aktivitäten für alle in Reichweite sind, die ein Minimum an Interesse aufbringen und bereit sind, sich ein wenig anzustrengen.

Wie können Kompetenzzentren zu einer stärkeren kulturellen Anerkennung der Blasmusik beitragen?

Durch die Organisation von Aktivitäten, die für die Bevölkerung sichtbar und gut zugänglich sind, beispielsweise durch Tage der offenen Tür. Das grosse Interesse am Eidgenössischen Musikfest in Biel zeigt allerdings, dass die Anerkennung durchaus vorhanden ist.

Logo EMF26 «Wir sind dabei!»
Philippe Krüttli findet, dass die Begeisterung, die das EMF26 ausgelöst hat, für die Anerkennung der Blasmusikszene spricht.

Welche Rolle spielen der VSM und seine Musikschulen für die Amateurmusikszene bei der Förderung der einheimischen Kultur?

Unsere Musikschulen stehen im Mittelpunkt eines Netzwerks, das zahlreiche Partner verbindet und unzählige kulturelle Veranstaltungen hervorbringt, die das lokale Kulturleben bereichern. Es gibt viele Beispiele für Projekte, die unsere Musikschulen organisieren und in denen ihre eigenen Produktionen sich mit jenen der Amateur-Musikszene mischen.

Inwiefern ist das Amateur-Musizieren für den Daseinszweck der Musikschulen von Bedeutung?

Musikschulen bieten eine hochwertige Instrumental- und Gesangsausbildung an. Sie fördert die Selbstständigkeit der Musizierenden und ihre Teilnahme am Musikleben. Selbst wo dieses Ziel nicht erreicht wird, trägt die Ausbildung wesentlich zur persönlichen Entwicklung, zur Kreativität, Ausgeglichenheit und Sensibilität der Schüler bei. Die Heranbildung von Musikliebhabern ist ebenso wichtig wie die Förderung des Amateurmusikwesens.

Wie sehen Sie die Blasmusik heute, und wie sehen Sie ihre Zukunft?

Durch ihre vielen hochwertigen künstlerischen Veranstaltungen, an denen Menschen jeden Alters teilnehmen, spielt die Blasmusik im kulturellen Leben eine wichtige Rolle. Sie stärkt das Gemeinschaftsgefühl, und dank der Vielfalt ihres Repertoires und der Zusammenarbeit mit anderen Musikrichtungen kann sie mit der modernen Gesellschaft Schritt halten, indem sie Kreativität und Anpassungsfähigkeit beweist.

Welche Verpflichtungen haben Ihrer Meinung nach die Kulturorganisationen gegenüber den Musikausbildungsstätten und umgekehrt?

Statt von Verpflichtungen zu sprechen, möchte ich lieber die Chancen betonen, die alle diese Projekte sämtlichen Partnern bieten (Konzertveranstalter, Festivals, Musikvereine, Musikschulen, öffentliche Schulen), indem sie die Grenzen zwischen ihnen überwinden und daran erinnern, dass Musik eines der wertvollsten Güter der Menschheit ist.

Philippe Krüttli

Persönliches

Verheiratet, vier erwachsene Kinder und zwei Enkel

Werdegang

Philippe Krüttli studierte an den Universitäten und Konservatorien von Neuenburg, La Chaux-de-Fonds und Bern. Er war Musiklehrer am französischen Gymnasium in Biel und Dozent für Musikdidaktik an der Universität Bern.

Musikalischer Werdegang

  • 1998 Weiterbildung in Jazz, Musikpädagogik und Chorleitung an der Université du Québec in Montréal (UQUAM)
  • 16 Jahre lang Mitglied des Quatuor Novus, mit dem er mehrere CDs aufgenommen hat.
  • Gründer des Ensembles für Alte Musik «La Tromboncina», dem er bis 2011 als Mitglied angehörte
  • Von 1992 bis 2019 Leitung des Ensemble Vocal d'Erguël (EVE)
  • Seit 2004 künstlerische Leitung des Grand Eustache in Lausanne; Zusammenarbeit mit den Solisten Michel Godard und Erik Truffaz
  • Seit 2011 Mitglied des Institut jurassien des sciences, des lettres et des arts (ISLA).
  • Träger des Kulturpreises des Conseil du Jura bernois 2016 und des Musikpreises des Kantons Bern 2022

Aktuelle berufliche Aktivitäten

Direktor der Ecole de musique du Jura bernois (EMJB) seit 2001 und Präsident des Verbands Musikschulen Schweiz (VMS) seit 2022

«Was mir nebst der Musik wichtig ist»

Meine Familie, Lesen und der Kontakt mit der Natur