Zu den 130 Expertinnen und Experten in den Jurys am Eidgenössischen Musikfest gehörte auch Andrea Barizza. Der italienische Musiker ist vorwiegend in Deutschland tätig. Unisono sprach mit dem Dirigenten, der sich mühelos zwischen Blasmusik und Sinfonik bewegt.
Ich habe in Italien Klavier studiert, mich intensiv mit Kammermusik beschäftigt und Musikwissenschaft studiert. Anschliessend bin ich nach Dresden gezogen, wo ich Orchesterleitung studiert habe. Da ich von einem «neutralen» Instrument komme, bin ich wohl ohne Vorurteile bezüglich der Besetzung an die Sache herangegangen und habe Sinfonie- und Blasorchester stets auf die gleiche Stufe gestellt.

Einen grundlegenden Unterschied gibt es: Das Blasorchester muss atmen. Auch die Streicher «atmen» zwischen den Phrasen, aber das ist kein physiologisches Bedürfnis. Und natürlich ist die Klangsituation völlig anders. Ein Dirigent, der mit beiden Besetzungen arbeitet, muss besonders aufmerksam zuhören, um sich schnell zurechtzufinden. Doch Dirigieren bleibt Dirigieren, egal ob Blasorchester, Streichorchester oder Sinfonieorchester.
Ja, das liegt aber auch daran, dass Musikhochschulen - vor allem in Deutschland, aber auch in der Schweiz - zwei unterschiedliche Studiengänge anbieten: Orchesterleitung und Blasorchesterdirektion. Ich finde es eigentlich nicht gerechtfertigt, sie als zwei völlig verschiedene Karrierewege zu behandeln. Man beschäftigt sich mit unterschiedlichen Repertoires und muss sich an verschiedene Klangfarben gewöhnen, die Grundtechnik bleibt jedoch dieselbe.

Ohne offizielle Daten zu haben, glaube ich, dass die Schweiz über die grösste Konzentration an Blasorchestern in ganz Europa verfügt, sowohl nach Einwohnerzahl als auch auf die Fläche bezogen. Nennenswerte Unterschiede zwischen den Sprachregionen sehe ich jedoch nicht. In Deutschland sieht es anders aus: Im Norden ist die Blasorchesterbewegung sehr schwach, im Nordosten sogar minimal. Blasmusik wird dort noch immer ein wenig als «zweitklassig» eingestuft. In Süddeutschland dagegen, z.B. in Baden-Württemberg, gibt es eine sehr aktive Szene.
In beiden Ländern finden sich Formationen, die sich eher auf die soziale Zusammengehörigkeit ausrichten und in enger Beziehung zur Bevölkerung der Region stehen, und andere, die den künstlerischen Aspekt stärker in den Vordergrund stellen, um Musik auf einem bestimmten Niveau zu machen. Es gibt auch gewisse technische Unterschiede, etwa in der Besetzung, aber ich sehe vor allem Gemeinsamkeiten.
Wenn es ums Eidgenössische geht, sieht man tatsächlich einen Unterschied: Es wäre wundervoll, wenn es mehr Länder wie die Schweiz geben würde! Kein anderes Land kann sich eines Musikfestes rühmen, welches das Publikum so sehr in seinen Bann zieht. Ich habe nicht nur viele Leute gesehen, sondern Menschen, die die Musik lieben. Ein begeistertes, mittragendes Publikum ist ganz entscheidend. Die wahre Stärke der Blasmusikbewegung liegt in der Unterstützung durch die «normale» Bevölkerung. Damit einher geht die Verantwortung derjenigen, die die Stücke auswählen. Sie müssen gut abwägen zwischen dem, was den Zuhörenden gefällt, und dem, was künstlerisch und kulturell weiterführt.

Ich war in zwei Jurys tätig: In der zweiten und in der ersten Klasse Harmonie. Die Selbstwahlstücke zeigten generell den Wunsch, die Formationen mit einer gezielten Repertoireauswahl weiterzuentwickeln, und nicht nur, um das Publikum mitzureissen. Die guten Ergebnisse überwogen, auch im internationalen Vergleich.
Es ist ein semiprofessionelles Ensemble aus hochkarätigen Amateuren und einer guten Anzahl Profis, das projektbezogen arbeitet. Jedes Jahr realisieren wir drei Projekte mit je drei oder vier Konzerten. Ausserdem organisieren wir den «Winds Composition Contest Saxony», einen internationalen Kompositionswettbewerb für Blasmusik - 2026 findet er bereits zum fünften Mal statt.

Ich würde sagen «Nein», und das finde ich sehr interessant! Jedes Orchester, ob professionell oder nicht, funktioniert aus psychologischer Sicht gleich, da sich eine Gruppendynamik entwickelt. Was sich ändert, ist der Einstudier-und Probenprozess: Profis erreichen bestimmte Ergebnisse schneller, man muss ihnen weniger erklären. Amateure brauchen dagegen mehr Proben.
Zeitgenössische Musik im sinfonischen Bereich ist bis heute mit sehr intellektuellen Traditionen verbunden, wovon sich das breite Publikum nicht angesprochen fühlt. In der Blasmusik hingegen sorgen neu komponierte Werke durchaus für Begeisterung. Ich bin überzeugt, dass wir Musik schreiben müssen, die das Publikum berührt, in einer Sprache, die Emotionen weckt. Denn ohne Publikum sterben die Orchester. Und in der Schweiz gibt es grossartige Komponistinnen und Komponisten, das haben die am Eidgenössischen Fest gehörten Stücke einmal mehr deutlich gezeigt.

Andrea Barizza studierte Klavier am Konservatorium Puccini in La Spezia und Orchesterleitung an der Hochschule für Musik «Carl Maria von Weber» in Dresden. Seit der Saison 2019/2020 ist er künstlerischer und musikalischer Leiter der Dresdner Bläserphilharmonie. Er dirigierte unter anderem das Sinfonieorchester von Mailand, das Orquestra Sinfónica do Porto Casa da Música, das Orquestra Clássica da Madeira und das Brandenburgische Staatsorchester von Frankfurt (Oder). Im Jahr 2025 gründete er die «Es klingt»-Musikfestspiele - mit Konzerten und Events rund um die Blasmusik in Ost-Deutschland.