Die auf Wunsch der Musikkommission des Schweizer Blasmusikverbands (SBV) in der ersten «unisono»-Ausgabe 2026 begonnene Serie wird fortgesetzt: Giancarlo Gerosa, Direktor des Konservatoriums Freiburg und Klarinettist in der Konkordia Freiburg, beantwortet die Fragen der Redaktion als nächster.
Unser Konservatorium bietet diese Ausbildung bereits seit den 1960er Jahren an, denn der Wille, sich für die Blasmusikszene einzusetzen, war schon immer vorhanden. Danach übernahm der Freiburger Kantonal Musikverband (FKMV) die Ausbildung, bis wir sie vor rund fünfzehn Jahren in gemeinsamer Absprache wieder übernommen haben. Heute bieten wir zwei Ausbildungswege an: die Grundausbildung, die sich über drei Jahre erstreckt, und eine vierjährige Weiterbildung. Auch diese ist vom SBV anerkannt.
Nein, sie kommen aus der ganzen Schweiz. Dabei handelt es sich oftmals um professionelle Instrumentalisten, die das Dirigieren als Nebentätigkeit ausüben.
Die Ausbildung ist von zentraler Bedeutung für das Bestehen der Musikvereine. Zum Dirigieren von Höchstklassformationen braucht es heutzutage Profis. Dafür können Musikvereine anderer Kategorien auf professionelle Instrumentalisten zurückgreifen, die eine Direktionsausbildung wie die von uns angebotene absolviert haben. Konkret können Musiker/-innen heute kaum noch nur vom Dirigieren der Musikvereine leben; es bleibt meist eine Nebentätigkeit.

Ein Dirigent ist Musiker und Manager zugleich: Er oder sie muss in der Lage sein, die Musizierenden und die Zeit zu managen. Seine Aufgabe ist es, für die Musiker da zu sein und sie sowohl in technischer und künstlerischer als auch in sozialer und menschlicher Hinsicht zu leiten.
An unserem Institut denken wir über eine spezifische Ausbildung für Dirigentinnen und Dirigenten von Jugendformationen nach. Der Kanton Freiburg zählt rund tausend Jugendliche, die in Jugendmusiken spielen. Wir dürfen nicht vergessen, welche Vorbildfunktion und motivierende Wirkung Dirigierende auf junge Instrumentalistinnen und Instrumentalisten haben. Als Bezugspersonen können sie die Jugendlichen motivieren, ihr Potenzial erkennen und sie kompetent anleiten.
Ja, natürlich. Das Konservatorium ist eine kantonale Einrichtung mit grossem Einfluss in der ganzen Region. Wir haben jedoch keinen allgemeinen Vertrag mit dem Verband; die Formen der Zusammenarbeit sind unterschiedlich. Die Musikschulen einiger Vereine sind vollständig in das Konservatorium integriert, andere kommen nur für den Unterricht bestimmter Instrumente zu uns. Wir bieten dezentralisierten Unterricht an. Dieses System funktioniert sehr gut.
Die Zusammenarbeit hängt von den kantonalen Rahmenbedingungen ab. Der Freiburger Kantonal Musikverband hat seit jeher Einsitz in unseren Aufsichtskommissionen. Bei der Einrichtung von Kompetenzzentren Blasmusik finde ich es wichtig, eine Verbindung zu den bestehenden Musikschulen herzustellen, um Doppelspurigkeiten zu vermeiden und vorhandene Strukturen sinnvoll zu nutzen. Gemeinsam müssen wir in die Ausbildung qualifizierter Lehrkräfte investieren: Musikunterricht erfordert Kompetenz und Leidenschaft - und eine fundierte Ausbildung bedeutet, die Zukunft der Musikvereine zu sichern.

Wichtig ist, dass sämtliche Massnahmen in Zusammenarbeit mit den Musikschulen umgesetzt werden. Eine neues Kompetenzzentrum sollte mit den bereits bestehenden Einrichtungen kooperieren.
Die Musikhochschulen spielen eine zentrale Rolle in der Ausbildung von Lehrkräften. Als Fachhochschulen müssen sie ihre Studierenden gezielt auf den Arbeitsmarkt vorbereiten und Fachkräfte ausbilden, die zur Erhaltung der Musikkultur beitragen. Für einen Master in Musikpädagogik auf einem Instrument muss man kein grosser Solist sein, sondern fähig, anderen die Leidenschaft für Musik zu vermitteln und über fundierte didaktische und soziale Kompetenzen verfügen. Auch der Dirigent eines Dorfvereins benötigt eine solide musikalische Ausbildung, aber vor allem muss er in der Lage sein, kompetent mit seinen Musizierenden umzugehen.
Wettbewerbe bleiben ein wichtiges Element, da sie zum Nacheifern anregen und so den Fortschritt der Formationen fördern. Wenn wir jedoch auch andere Aspekte berücksichtigen wollen, halte ich es für wichtig, neue Wege zu gehen. Denkbar sind neue Auftrittsformen, z. B. an aussergewöhnlichen Orten wie in Industriegebieten, oder mit kleineren, vielseitig zusammengesetzten Formationen. Auch zeitgenössische Kompositionen verdienen eine stärkere Beachtung: Das «klassische» Repertoire der Blasmusik darf dabei sicher nicht verloren gehen, jedoch gibt es in der Schweiz zahlreiche hervorragende Komponisten.
Ich erinnere mich an die Teilnahme am Wettbewerb in Kerkrade in den Niederlanden. Dort hat mich sehr beeindruckt, dass die Kinder nach der Schule direkt in die Musikschule gingen. Zunächst half ihnen eine Lehrperson bei den Hausaufgaben, danach musizierten sie. Es gab sogar einen Musikverein, der ein eigenes Restaurant betrieb - der Proberaum befand sich im Hinterzimmer. Solche Ansätze sind beispielhaft: Ein Musikverein, der eine Nachmittagsbetreuung oder einen öffentlichen Treffpunkt anbietet, integriert sich nahezu von selbst in das soziale Leben einer Gemeinde.

Als ich in den 1970er-Jahren mit dem Musizieren begann, existierte das Konservatorium in Lugano noch gar nicht. Das Tessin war damals sehr lebendig; heutzutage fehlen leider die Synergien. Und in Freiburg fand ich dann als Student eine noch inspirierendere Umgebung vor. Hier spielen professionelle Musikerinnen und Musiker in den Musikvereinen - einfach aus Freude am Musizieren.
Bis heute ist die Blasmusik bei der Bevölkerung beliebt. Der Vorteil von Freiburg ist, dass es den formelleren und institutionelleren Ansatz der Westschweiz mit der lockeren und spontanen Art der Deutschschweiz verbindet - ein optimaler Mix! Natürlich gibt es Unterschiede: So sind die deutschsprachigen Formationen alles «Harmonien», während es in der Romandie vor allem «Brass Bands» gibt. Aber alle nehmen am Freiburger Kantonalmusikfest teil und identifizieren sich als Teil der Region.
Ich sehe nur Vorteile. Die Stärke der Schweiz beruht auf Gemeinsamkeit in der Vielfalt. Als gebürtiger Tessiner fühle ich mich sowohl von den Westschweizern als auch von den Deutschschweizern akzeptiert und verstanden. Vielfalt ist unsere Stärke. Aber es reicht nicht aus, sich zu vereinen: Man muss Strukturen schaffen, um eine gemeinsame politische Vision zu haben.
Als ich vor vierzig Jahren nach Freiburg kam, trat ich der Konkordia bei und erlebte ihre rasante Entwicklung mit. Auch das musikalische Niveau der Dorfvereine hat sich verbessert. Wenn wir die Zukunft gestalten wollen, müssen wir jedoch den gesellschaftlichen Entwicklungen folgen und uns der Bevölkerung aktiv anbieten. Wir sollten zu unseren Wurzeln zurückkehren und uns den Leuten wieder annähern. Blasinstrumente sind dafür gemacht, im Freien gespielt zu werden. Deshalb sollten wir lokale Politiker ansprechen und ihnen anbieten, öffentliche Plätze wiederzubeleben.
Damit eine Kultur lebendig bleibt, muss sie von allen und in jedem Alter praktiziert werden. Wir müssen uns an Experten wenden, um Wissen und Fähigkeiten bestmöglich weiterzugeben. Musik ist eine Kunst, also eine kreative Tätigkeit. Und am Ende funktioniert sie wie der Sport: Wer nur einen Match anschaut, profitiert nicht davon, wer hingegen selbst läuft, schon.
1967 in Locarno (TI) geboren, verheiratet und Vater von drei Kindern, wohnhaft in Grolley (FR)
Seine musikalische Laufbahn beginnt er als Klarinettist in der Musica Cittadina Locarno. Er erhält den ersten Preis für Virtuosität am Konservatorium Lausanne, das Lehrdiplom für Klarinette am Konservatorium Freiburg und einen Abschluss in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Freiburg.
Als Gründungmitglied des Blasorchesters der italienischen Schweiz tritt er in Freiburg der Konkordia bei. Er wird vom Konservatorium in Freiburg als Dozent für Klarinette engagiert, tritt 1999 in die Direktion ein, um später die Funktion des stellvertretenden Direktors und des Interimsdirektors zu übernehmen. Seit 1. September 2003 ist er als Direktor tätig.
Das zu lieben, was man tut, Tag für Tag.
